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Atrazin

Sicherheitshinweise
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung aus Verordnung (EG) Nr. 1272/2008 (CLP),[3] ggf. erweitert[1]
Gesundheitsgefährdend Achtung Umweltgefährlich
Achtung
H- und P-Sätze H:
  • Kann allergische Hautreaktionen verursachen.
  • Kann die Organe schädigen (alle betroffenen Organe nennen, sofern bekannt) bei längerer oder wiederholter Exposition (Expositionsweg angeben, wenn schlüssig belegt ist, dass diese Gefahr bei keinem anderen Expositionsweg besteht).
  • Sehr giftig für Wasserorganismen mit langfristiger Wirkung.
P:
  • Staub / Rauch / Gas / Nebel / Dampf / Aerosol nicht einatmen.
  • Kontaminierte Arbeitskleidung nicht außerhalb des Arbeitsplatzes tragen.
  • Freisetzung in die Umwelt vermeiden.
  • Schutzhandschuhe/ Schutzkleidung/ Augenschutz/ Gesichtsschutz/ Gehörschutz/ … tragen.
  • Bei Berührung mit der Haut: Mit viel Wasser / … waschen.(Die vom Gesetzgeber offen gelassene Einfügung ist vom Inverkehrbringer zu ergänzen)
  • Bei Unwohlsein ärztlichen Rat einholen / ärztliche Hilfe hinzuziehen.
[1]
MAK Bezogen auf die einatembare Fraktion:
  • DFG: 1 mg/m3[1]
  • Schweiz: 2 mg/m3[4]
  • Österreich: 2 mg/m3[5]
Toxikologische Daten
  • 672 mg/kg (LD50, Ratte, oral)[1]
  • 7500 mg/kg (LD50, Kaninchen, oral)[1]
  • 5,2 mg/l (4 h) (LD50, Ratte, inh.)[1]
  • 0,22–76 mg/l (LC50, Fisch, 96 Stunden)[1]
  • 0,374–72 mg/l (LC50, Krebstiere, 48 Stunden)[1]
  • 4,6–115 mg/l (EC50, Krebstiere, 48 Stunden)[1]
  • 0,00453–67,7 mg/l (EC50, Algen, 72 Stunden)[1]
  • 0,004–74,5 mg/l (EC50, Algen, 96 Stunden)[1]

Atrazin ist der Trivialname eines Herbizids aus der Familie der Chlortriazine. Einige Handelsnamen sind Aatrex, Aktikon, Alazine, Atred, Atranex, Atrataf, Atratol, Azinotox, Crisazina, Farmco Atrazine, G-30027, Gesaprim, Giffex 4L, Malermais, Primatol, Simazat, Weedex, Zeapos und Zeazin.

Strukturformel
Strukturformel von Atrazin
Allgemeines
Name Atrazin
Andere Namen
  • 6-Chlor-N-ethyl-N-isopropyl-1,3,5-triazin-2,4-diamin
  • 6-Chlor-4-ethylamino-2-isopropylamino-1,3,5-triazin
Summenformel C8H14ClN5
Kurzbeschreibung weißer bis beigefarbener, geruchloser Feststoff[1]
Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer Extern 1912-24-9
EG-Nummer 217-617-8
ECHA-InfoCard Extern 100.016.017
PubChem 2256
ChemSpider Extern 2169
DrugBank Extern DB07392
Eigenschaften
Molare Masse 215,69 g/mol
Aggregatzustand fest[1]
Dichte 1,23 g/cm3 (22 °C)[1]
Schmelzpunkt 176 °C[1]
Siedepunkt 205 °C[1]
Dampfdruck 2,6/107 mbar (20 °C)[2]
Löslichkeit praktisch unlöslich in Wasser (33 mg/l bei 22 °C)[1]

Geschichte

Atrazin wurde 1958 von Ciba-Geigy (heute Syngenta) unter dem Handelsnamen Gesaprim als systemisches Triazin-Herbizid eingeführt.[6]

Ab dem 31. Oktober 1986 gelangten etwa 0,4 Tonnen Atrazin über die Abwässer des Unternehmens Ciba-Geigyin den Rhein, was zusammen mit dem Grossbrand von Schweizerhalle des Sandoz-Konzerns bei Basel einen Tag später ein Fischsterben im Rhein auslöste.[7]

Gewinnung und Darstellung

Die kommerzielle Herstellung von Atrazin (5) erfolgt durch eine stufenweise Umsetzung von Cyanurchlorid (1) mit Ethylamin (2), wobei zunächst als Zwischenprodukt Etatryn (3)[8] entsteht. Dieses wird anschließend mit Isopropylamin (4) zum Atrazin umgesetzt.[9]

Industrielle Synthese von Atrazin durch Umsetzung von Cyanurchlorid mit Ethylamin und Isopropylamin in Gegenwart von Natronlauge
Industrielle Synthese von Atrazin durch Umsetzung von Cyanurchlorid mit Ethylamin und Isopropylamin in Gegenwart von Natronlauge

Der dritte Chlorsubstituent ist weniger leicht substituierbar und verbleibt im Molekül.

Bei Abbaureaktionen beginnt hier der langsame hydrolytische Abbau, sehr viel schneller als Wasser reagieren nucleophile NH- oder SH-Funktionen von Peptiden.

Verwendung und Wirkungsweise

Wo die Verwendung von Atrazin noch zugelassen ist, wird es zur Bekämpfung von ein- und zweikeimblättrigen Unkräutern speziell im Mais-, aber auch Spargel-, Kartoffel- und Tomatenanbau eingesetzt. Die Wirkung von Atrazin beruht auf Hemmung der Photosynthese von Pflanzen. Es bindet an das Chinon QB (das dritte Glied der Elektronentransportkette im Photosystem II nach Phäophytin und QA) und unterbricht so den Elektronentransport.


Umweltverhalten

Atrazin wird in der Umwelt nur relativ langsam durch Hydrolyse abgebaut, wobei im ersten Schritt Hydroxyatrazin entsteht.

Hydrolytischer Abbau von Atrazin

Daneben wird Atrazin auch mikrobiell abgebaut, die wichtigsten Abbauprodukte des mikrobiellen Abbaues sind: Desethylatrazin, Desisopropylatrazin, Didesalkylatrazin und Hydroxyatrazin.[10][11]

Atrazin ist für Organismen unterschiedlich schädlich. Es kann schon in sehr geringen Konzentrationen die Entwicklung von männlichen Fröschen stören und diese in Zwitter verwandeln.[12][13] Untersuchungen von Hayes und anderen Autoren zufolge steht Atrazin aber nicht nur im Verdacht, die Testosteron-Produktion zu senken, sondern auch die Östrogen-Produktion zu stimulieren und damit die Entwicklung von Brustkrebs beim Menschen zu begünstigen.[14]

Für Vögel und Nützlinge (z.B. Bienen) sowie für Bodenlebewesen ist der Wirkstoff weitgehend ungefährlich. Atrazin reichert sich in der Nahrungskette nur geringfügig[15] oder nicht an.

Regulierung

Da Atrazin und sein Hauptabbauprodukt Desethylatrazin auch ins Grundwasser gelangen und damit dann auch im Trinkwasser nachgewiesen werden können, ist die Anwendung von Atrazin seit 1. März 1991 in Deutschland[16] und seit 1995 in Österreich verboten. Es ist jedoch trotzdem noch immer in der Umwelt weit verbreitet; nach dem Elbhochwasser 2002 beispielsweise wurde es ausgeschwemmt und konnte später vor Helgoland vermehrt nachgewiesen werden, so in Miesmuscheln und den Lebern von Flundern. Mit Stand 2023 ist Atrazin in über 37 Ländern[17] verboten.

EU

In der Europäischen Union ist der Einsatz von Atrazin seit 2003 verboten.[18] Die erlaubte Tagesdosis beträgt 0,02 und die akute Referenzdosis 0,1 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag.[19]

Deutschland

In Deutschland ist die Anwendung von Atrazin seit dem 1. März 1991 verboten.[20] Der Gehalt von Pestiziden im Grundwasser darf maximal 0,1 µg/l betragen.[21] Nach Grenzwertüberschreitung gilt – bei einem erfolgversprechenden Sanierungsplan – ein Ausnahmegrenzwert von 3 µg/l.[22]

Schweiz

In der Schweiz wurde Atrazin per Anfang 2007 aus dem Anhang 1 („Für die Verwendung in Pflanzenschutzmitteln genehmigte Wirkstoffe“) der Pflanzenschutzmittelverordnung gestrichen, so dass die Verwendung von Atrazin-haltigen Pflanzenschutzmitteln seit 2012 verboten ist.[19][23] Seither gehen die im Grundwasser gefundenen Konzentrationen tendenziell zurück.[24] Der Export von Atrazin ist seit dem 1. Januar 2021 verboten.[18]



Atrazin-Einsatz in den USA
oben: 2011
2019

USA

Die US-amerikanische Umweltbehörde Environmental Protection Agency vertrat zuletzt 2007 die Auffassung, dass es keine ausreichenden Hinweise auf Schädigung von Amphibien gebe. Seit 2010 wurde in Zusammenhang mit gehäuften Atrazin-Funden im Trinkwasser des Corn Belt eine umfassende Neubewertung auf Grund seit 2007 veröffentlichter Forschungsergebnisse durchgeführt.[25][26] Im November 2020 veröffentlichte die EPA schließlich eine Bewertung, der zufolge Atrazin wahrscheinlich mehr als 1.000 der am stärksten gefährdeten Pflanzen und Tiere der USA schadet. Nur zwei Monate zuvor hatte die Behörde das Pestizid für weitere 15 Jahre zugelassen.[27]

Resistenzen

Unter anderem bei den Pflanzen Weißer Gänsefuß, Gemeine Melde und Einjähriges Rispengras sind Resistenzen gegen Atrazin und andere Wirkstoffe aus der Klasse der Triazine bekannt. Diese beruhen auf einer Punktmutation im psbA-Gen des plastidären Genoms, welches das Bindeprotein für QB codiert. An Position 264 des Peptids fand ein Aminosäureaustausch von Glycin nach Serin statt, wodurch die Bindungsaffinität des Proteins an Triazinherbizide stark herabgesetzt wird.

Einzelnachweise

  1. Hochspringen nach: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 Eintrag zu Extern Atrazin in der GESTIS-Stoffdatenbank des Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, abgerufen am 06. Oktober 2026. (JavaScript erforderlich)
  2. ↑ W. Gückel, R. Kästel, T. Kröhl, A. Parg: Methods for Determining the Vapour Pressure of Active Ingredients Used in Crop Protection. Part IV. An Improved Thermogravimetric Determination Based on Evaporation Rate in Pestic. Sci. 45 (1995) 27–31.
  3. ↑ Eintrag zu Extern Atrazine in der Datenbank ECHA CHEM der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA), abgerufen am 1. Februar 2016. Hersteller bzw. Inverkehrbringer können die harmonisierte Einstufung und Kennzeichnung Extern erweitern.
  4. ↑ Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva): Extern Grenzwerte – Aktuelle MAK- und BAT-Werte (Suche nach 1912-24-9 bzw. Atrazin), abgerufen am 06. Oktober 2026.
  5. ↑ Extern BGBl. II Nr. 254/2018
  6. ↑ Eintrag zu Extern Atrazin. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 06. Oktober 2026.
  7. ↑ Walter Giger: Der Rhein Rot, Die Fische Tot – Brandkatastrophe in Schweizerhalle 1986 – Rückblick und Bilanz. In: Umweltwissenschaften und Schadstoff-Forschung. Band 19, Januar 2007, S. 11–23, doi: Extern 10.1065/uwsf2007.03.165.
  8. ↑ Externe Identifikatoren von bzw. Datenbank-Links zu 4,6-Dichlor-N-ethyl-1,3,5-triazin-2-amin: CAS-Nr.: Extern 3440-19-5, PubChem: Extern 18926, ChemSpider: Extern 17871
  9. ↑ Thomas A. Unger: Pesticide Synthesis Handbook. William Andrew, 1996, ISBN 0-8155-1401-8, S. 642 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  10. ↑ Externe Identifikatoren von bzw. Datenbank-Links zu Hydroxyatrazin: CAS-Nr.: Extern 2163-68-0 , PubChem: Extern 16553, ChemSpider: Extern 15693
  11. ↑ A. Mudhoo, V.K. Garg: Sorption, Transport and Transformation of Atrazine in Soils, Minerals and Composts: A Review. In: Pedosphere.Band 21, Nr. 1, Februar 2011, S. 11–25, doi: Extern 10.1016/S1002-0160(10)60074-4.>
  12. ↑ Wenn Froschmännchen Eier legen. In: Spektrum der Wissenschaft. Nr. 4, 2010, S. 12 ( Extern spektrum.de).
  13. ↑ Tyrone B. Hayes u. a.: Extern Atrazine induces complete feminization and chemical castration in male African clawed frogs (Xenopus laevis). In: Proceedings of the National Academy of Sciences. 107, Nr. 10, S. 4612–4617, Extern doi:10.1073/pnas.0909519107.
  14. ↑ Vgl. die Zusammenfassung bei L. N. Vandenberg, T. Colborn, T. B. Hayes et al.: Hormones and endocrine-disrupting chemicals: low-dose effects and nonmonotonic dose responses. In: Endocrine Reviews. 33, Juni 2012, zuerst veröffentlicht am 14. März 2012, Extern doi:10.1210/er.2011-1050; sowie das Interview mit Tyrone Hayes: Extern Silencing the Scientist: Tyrone Hayes on Being Targeted by Herbicide Firm Syngenta. Abgerufen am 06. Oktober 2026 (englisch).
  15. ↑ G. Gunkel, B. Streit: Mechanisms of bioaccumulation of a herbicide (atrazine, s-triazine) in a freshwater mollusc (Ancylus fluviatilis Müll.) and a fish (Coregonus fera Jurine). In: Water Research. 14, Nr. 11, 1980, S. 1573–1584, Extern doi:10.1016/0043-1354(80)90061-5.
  16. ↑ LUA NRW: Extern Gewässergütebericht 1997 Kapitel 5 Teil 3 (vom 8. Mai 2014 im Internet Archive)
  17. ↑ Extern Brasilien will Syngenta-Mittel Atrazin verbieten. In: schweizerbauer.ch. 6. Oktober 2023, abgerufen am 06. Oktober 2026.
  18. Hochspringen nach: 1 2 Schweizerischer Bundesrat: Extern Strengere Bestimmungen für die Ausfuhr von Pflanzenschutzmitteln. In: admin.ch. 14. Oktober 2020, abgerufen am 06. Oktober 2026.
  19. Hochspringen nach: 1 2 Generaldirektion Gesundheit und Lebensmittelsicherheit der Europäischen Kommission: Eintrag zu Extern Atrazine in der EU-Pestiziddatenbank; Eintrag in den nationalen Pflanzenschutzmittelverzeichnissen der Extern Schweiz, Extern Österreichs und Extern Deutschlands, abgerufen am 06. Oktober 2026.
  20. ↑ Nr. 5 der Extern Anlage 1 zu Extern § 1 der Verordnung über Anwendungsverbote für Pflanzenschutzmittel; die Anwendung ist daher nach § 8 in Verbindung mit § 69 Absatz 1 Nummer 2, Absatz 6 des Pflanzenschutzgesetzes eine Straftat.
  21. ↑ Schriftliche Anfrage: Extern Trinkwasserverunreinigung durch Atrazin in der Opf, S. 4., mit Antwort des Bayr. Staatsministeriums für Umwelt und Gesundheit vom 12. März 2013
  22. ↑ Abwasserlexikon: Extern Atrazin
  23. ↑ Bundesamt für Landwirtschaft: Extern Zurückgezogene Wirkstoffe aus Anhang 1 der PSMV (im Internet Archive), Stand 1. Juli 2017.
  24. ↑ Extern Pflanzenschutzmittel im Grundwasser. In: Bundesamt für Umwelt. Abgerufen am 06. Oktober 2026.
  25. ↑ epa.gov: Extern Atrazine Updates – Amphibians (englisch) US-amerikanische Umweltbehörde
  26. ↑ Michael Hawthorne: Extern Growing concern in the water (vom 25. März 2014 im Internet Archive), Chicago Tribune, 18. April 2010.
  27. ↑ Extern EPA: Widely Used Pesticide Atrazine Likely Harms More Than 1,000 Endangered Species. In: biologicaldiversity.org. 5. November 2020, abgerufen am 06. Oktober 2026.
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Basierend auf einem Artikel in: Extern Wikipedia.de
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Datum der letzten Änderung: Jena, den: 06.10. 2026